Die Strömung hinab
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Eine Paddeltour auf dem Kunene Fluss
öffnet die Tür zu einem abgeschiedenen Wunderland. Der Journalist
Jeremy Jowell machte dieseTour und Paddelte mit Krokodilen, September 2001.
Das Krokodil gleitet behutsam einige
Meter vor unserem Boot und sinkt leise unter die Wasseroberfläche.
In diesem Teil des Flusses, zwischen den Ruacana Wasserfällen und
den Epupa Wasserfällen in Namibia, stellen die Krokodile glücklicherweise
keine große Bedrohung dar.
Beschossen und gefangen genommen
durch Soldaten während des Krieges, sind sie scheu und ängstlich
gegenüber Menschen und vermeiden unser aufblasbares Boot - auch "Crocs"
genannt. |
" Aber auf der Strecke des Flusses die
unterhalb der Epupa Wasserfälle an der Küste fließt, sind
die Crocs furchtlos" sagt unser Flussführer, Alain Coetzee. " Dort
greifen sie andauernd die Boote und Kanus an, dort einen kommerziellen
Trip zu machen, wäre fast wie Selbstmord. Aber eines Tages will ich
es tun, mit einem Gewehr an Bord".
Die Kunene Fluss Safari Expedition
ist eine einzigartige Reise entlang eines der am wenigsten erforschten
Flüsse Südafrikas. Seit 1994 bietet Felix Unite River Adventures
diese Flusstrips an, und nur ca. 500 Menschen haben an dieser Kunene Kreuzfahrt
bisher teilgenommen.
Die Route enthält eine lange
ruhige Wassertrecke und schnelle, zum Herzschlag aussetzende, Flusswindungen
durch ca. 180 Km ungezähmte Landschaft. Die einzigen menschlichen
Wesen die dort anzutreffen sind, sind die lächelnden Menschen der
Himba Stämme, die vom Flussufer aus grüßen.
Die Kunene Expedition beginnt momentan
in Windhoek, der Hauptstadt von Namibia, und ist so aufgebaut, dass die
Teilnehmer auch eines der besten Wildtiererlebnisse von Afrika haben -
Paddeln auf dem Fluss durch den Etosha National Park.
1)
Nach einer herzlichen Begrüßung
von unseren Führern am internationalen Flughafen von Windhoek, fahren
wir Richtung Etosha los. Die Straße führt gerade wie ein Pfeil
zu unserer Unterkunft. Nach der Ankunft im Okaukuejo Rest Camp beobachten
wir den Sonnenuntergang durch den abendlichen Dunst, während wir unser
Abendssen, gegrillte spare Ribs, genießen.
Gabriel unser Betreuer und Fahrer,
hat bereits unsere Zelte aufgebaut. Irgendwann in der Nacht, wache ich
durch zwei Donnerschläge auf. Der frische Geruch von Regen hängt
in der Luft und Gabriel immer in Alarmbereitschaft, bedeckt unsere Zelte.
Laute Donnerschläge hallen hallen durch Etosha und häufig erscheinen
Blitze am Himmel. In weiter Entfernung brüllt ein Löwe
und ich bin schnell wieder eingeschlafen, eingelullt durch das regelmäßige
tropfen des Regens auf das Dach meines Zelt.
Ich bin lange wach noch bevor die
Sonne richtig aufgegangen ist und laufe verschlafen zu dem Wasserloch,
für welches das Camp so berühmt ist. Der Sturm ist vorüber
und die Luft klar und ruhig. Die Schwärze der Nacht geht langsam,
fast unmerklich in das Dunkelblau der Dämmerung über. Weit und
breit sind keine Tiere in Sicht und ich bestaune in Ehrfurcht den Anblick
des einsamen, von der Morgensonne beleuchteten Wasserloches. Dann, wie
aus dem Nichts, nähert sich nervös eine einsame Giraffe, spreizt
ihre Vorderbeine und neigt sich hinab um zu trinken. Im Hintergrund aus
dem Schatten, taucht eine Herde von 12 Elephanten auf, 9 Erwachsene und
3 Junge, um zu trinken und ihr morgendliches Bad zu nehmen.
2)
Nach einem schnellen Frühstück,
machen wir in der Frühe eine Tierbeobachtungsfahrt unter einem dunstigen,
gelben Himmel. Am Okondeka Wasserloch erwartet uns ein Schausiel der wildlebenden
Tiere. Ein Rudel von 10 Löwen läuft langsam über die Straße,
während in der Ferne Herden von Giraffen, Gnus, Zebras, Sprinböcken
und Straußen große Schwaden von Dunst erregen.
Im Halali Restcamp halten wir, um
ein nötiges Bad zu nehmen, bevor wir eine Nachmitagsfahrt an die Grenze
der Etosha Pfanne machen. Die Etosha Pfanne erstreckt sich über 5000
Quaddratmeter, was fast 25% des ganzen Nationalparks sind. Sie wird auch
als Salzwüste bezeichnet und hat nur gelegentlich Wasser. Der Wind
nimmt ab und es ist ohrenbetäubend still als ich die bratende heiße
Oberfläche der rissigen Ton- / Salzerde überquere. Am Horizont
erscheinen schimmernde Illusionen und ich verliere jeglichen Sinn für
Perspektive in diesen reinen, weißen Sandbänken.
Am nächsten Morgen brechen wir
früh zu unserer langen Fahrt zu der Onderuso Schlucht auf, dem Startpunkt
für die 5 Tage und 6 Nächte Paddle Strecke der Expedition. Unsere
Route führt uns ostwärts aus Etosha heraus und weiter nordwestlich
nach Ovamboland und wir passieren die Städte Ondangwa, Oshakati und
Ruacana.
An den Ruacana Wasserfällen,
einem 120 m Gefälle über Granitfelsen, lassen wir die geteerte
Straße hinter uns und steuern auf den Dunst zu. Die Landschaft ist
erstaunlich, dornige Bäumen die auf unfruchtbarer steiniger Erde wachsen.
Danach ist das schnellfließende Wasser des Kunene ist ein willkommener
Anblick. Bei unserer Ankunft ist die Sonne kurz davor unterzugehen und
die felsige Landschaft ist in die verschiedensten Nuancen von pastellfarbenem
Pink getaucht.
Als der silbernene Ball des Vollmondes
am nördlichen Ufer über Angola aufsteigt, gehe ich zum Fluss
und bade ich das erste Mal in dem kühlen Wasser des Kunene.
Es dämmert, als wir an unserem
ersten Tag am Fluss in einer ungezähmten Region der Welt erwachen.
Die Landschaft ist wild und abgeschieden, unberührt von Menschenhand
. "Willkommen am Kunene - dem am wenigsten erforschten Fluss Südafrikas"
sagt Alain als er mit unserer Einweisung beginnt. "Die Person am hinteren
Ende des Bootes ist der Kapitän und für das Lenken verantwortlich
während im vorderen Teil der Motor und die Energie ist".
Bevor wir richtig zu paddeln beginnen,
müssen wir über die glatten Granitfelsen des Onduruso Wasserfalls
überqueren, einem 5-6 Grad schnellem Gefälle, das zu gefährlich
ist um von uns befahren zu werden, obwohl unsere sicherheits Kajaker
es einfach aussehen lassen als sie auf dem schäumenden Wasserfall
vorbeischießen. Nach erneutem eintreten in den Fluss starten wir
unsere Fahrt stromabwärts unterhalb der Wasserfälle. Schon bald
erreichen wir die erste haupte Stromschnelle - Corkscrew - und werden sofort
hin und her geworfen. Wir stoßen an einen Felsen, drehen uns und
ihrem Namen gerecht werdend, werde ich aus dem Boot geworfen. Andere erleiden
das selbe Schicksal. Zwei Frauen kentern in perfekter Harmonie, so wie
Synchronschwimmer es sich nur wünschen können. Bei der Mittagspause
ist jeder vollkommen durchnässt, da jedoch ein heißer und trockener
Wind bläst sind wir alle innerhalb von Minuten wieder trocken.
Tamara hat köstliches Curry-Hähnchen,
Pfirsich und Nudelsalat zubereitet. Nach einer kurzen Siesta gleiten wir
erneut ins Wasser. " Leute, ich habe gerade ein Krokodil gesehen das sich
ins Wasser gleiten lässt" sagt Alain, auf dem Punkt zeigend wo es
von einer Sandbank in Wasser rutschte. "Es ist wahrscheinlich im Augenblick
unter unseren Booten, lasst also eure Hände und Füße eine
Weile aus dem Wasser". Wir bringen uns hinter die Stromschnelle Birthday
Chute Rapid, eine weitere 4 - 5 Gradschnelle, bevor der Wind uns erlaubt
unsere Paddel einzuziehen und mit dem Wind zu fahren, ein träger Nachmittag
bricht an.
3)
Es war ein kurzer Tag auf dem Fluss,
nur 12 Km erholsames Paddeln und einige aufregende Strecken an der Onderuso
Schlucht, ein ausgezeicheter Anfang für unsere Paddeltour auf diesem
interssanten Fluss.
In der Regel wird eine Kajaktour
nicht mit Komfort und Klasse gleichgesetzt, dies jedoch ist ein fünfsterne
Trip. Abgesehen vom Paddeln müssen wir keinen Finger rühren.
Abends werden Teller voll mit köstlichen Gerichten der Kunene Küche
serviert und zusätzlich Porpcorn, Schokolade, Brezeln und Dips gereicht,
alles von Tamara meisterhaft vorbereitet. Der Held des Begleitteams jedoch
ist unzweifelhaft Gabriel. Jeden Tag wenn wir friedlich den Fluss hinabpaddeln,
fährt er das Verpflegungsauto entlang der abgefahrenen schlechten
Straße um unseren nächsten Zeltplatz, stromabwärts, vorzubereiten.
Es ist schwierig und strapaziös dort zu fahren, an Stellen an denen
die Straße weggefallen ist, muss er sich einen Weg durch den Busch
bahnen. Jeden Abend wenn wir an Land kommen werden wir von dem willkommenen
Anblick unserer Zelte begrüßt, bereits aufgestellt und mit unseren
aufblasbaren Matratzen ausgelegt. "Hallo, habt ihr alle einen schönen
Tag auf dem Fluss gehabt?" Fragt er mit seinem immer präsenten Lächeln.
Als wir am Morgen erwachen ist der
Fluss völlig in den goldenen Schimmer des Sonnenaufgangs getaucht.
Kein Lufthauch ist zu spüren und in aller Stille brechen wir im spiegelgleichen
Wasser auf. Wir sind alle in ruhiger Stimmung als wir im Rythmus des Flusses
an den Zebra Mountains und den mit Guano beschmutzten Felsen vorbeipaddeln.
Rinder und Ziegen grasen am Flussufer und Himbakinder laufen an das Ufer
um den Fremdlingen in ihren roten Booten zu winken. Über uns in der
Luft zieht ein Fischadler elegant seine Kreise, während Fischreiher
und Bienefresser von den Bäume auf uns herunterstarren.
Der Tag vergeht zwischen Hitzeflimmern
und Grüßen der Himba. Hier am Kunene Fluss hat der Rest der
Welt aufgehört zu existieren. Amerika ist bereit einen erneuten Angriff
auf Afghanistan zu starten und ein weiterer Mitbewohner des Big Brotherhauses
ist dabei ausgewiesen zu werden, im Augenblick sind alle diese Angelegenheiten
unwichtig.
Aufgrund seines öden Terrains
wird Namibia oft als "das Land das Gott in Wut machte" bezeichnet. Hier
oben, in der Gegend des Kunene ist das Land tatsächlich unversöhnlich.
Es erscheint wie eine Verschwendung, dass nur wenige Besucher die öde
und dennoch atemberaubende Schönheit dieses wundervollen, nur mit
wenigen Makalani Palmen und Akazien bewachsenen, Teils der Erde erleben.
Aber, in gewisser Weise, liegt gerade
darin die Genugtuung.
Beim Mittagessen unsers 3. Tages
erreichen wir das Enyandi Camp und Alain erklärt uns die Schwierigkeiten
der " S-Kurve" weiter vorne. "Hier beginnt das richtige Abenteuer" sagt
er lächelnd. " das ist die Stromschnelle die am meisten Technik und
Fachlichkeit benötigt. Ihr müsst es aggressiv angehen sonst wird
euer Boot umgedreht. Der Adrenalinspiegel steigt als wir in die Wogen paddeln.
" Stark Links!" ruft mein Paddelpartner als wir frontal in die Stromschnelle
treffen und in eine Senke stürzen bevor wir nass aber intakt flussabwärts
wieder auftauchen.
Ein neuer Tag, ein neuer goldener
Sonnenaufgang. Die Silhoutten großer Makalani Palmen erscheinen am
Himmel während die Sonne langsam über unseren Zelten aufgeht.
Viel zu schnell ist unser letzter Tag angebrochen und wir starten früh
für unsere letzten 30 Km die sich bis zum Epupa Wasserfall erstrecken.
Wir haben nun das Kaokoland betreten und paddeln an unfruchtbaren weißen
Hügeln vorbei bevor wir durch schnelllfließende Wellen am Ufer
entlang fahren. Endlich hören wir das Getöse und sehen die Gischt
des Wasserfalls. Mit schmerzenden Armen und fröhlichem Herzen setzten
wir unser Boot das letzte Mal auf Grund auf.
4)
Die Epupa Fälle sind wahrhaftig
eine von Afrikas größten Sehenswürdigkeiten. Über
eine Länge von 2 Km, stürzt der Kunene Fluss 22 Katarakte hinunter
in eine wunderschöne Schlucht. Riesige Baobab Bäumen wachsen
auf den felsigen orangefarbenen Klippen. Ein perfekter Regenbogen erscheint
rund um die Felsen als die Nachmittagssonne auf die schäumende Gischt
des Waserfalls scheint. Kein Foto kann diesem herrlichen Bild gerecht werden
und der Spaziergang in der Sonne entlang der Schlucht ist ein Erlebnis
wofür es zu beschreiben keine Worte gibt. Man muss dies mit eigenen
Augen gesehen haben um zu verstehen warum es auch als "das Paradies Afrikas"
bezeichnet wird.
Aber, falls die Regierung Namibias
sich durchsetzt, existiert dieser herrliche Wasserfall möglicherweise
eines Tages (bald) nicht mehr. Obwohl das Projekt verschoben worden ist,
sind die Pläne für ein Wasserkraftwerk noch aktuell. Diese erfordern
einen Damm der dazu führen wird, dass eine Region größer
als Johannesburg überflutet wird. Falls die Durchführung dieser
Pläne erlaubt wird, wird ein großer Teil des Landes überflutet
werden. Davon betroffen wären auch 200 historische Grabstätten
der Himbas und es würde den Epupa Wasserfall vollständig vernichten.
Es wäre eine geographische Tragödie mit immensen Ausmaßen.
Unsere letzte Nacht verbringen wir
nur einige Meter von dem kolossalen Wasserfall entfernt unter eine Baumgruppe
von Makalani Palmen. Nach einem köstlichen Abendessen, bestehend aus
Lamm in Minzsoße und Gemüse, ziehe ich mich in mein Zelt zurück,
lege mich in meinen Schlafsack und lausche dem warmen sanftem Wind der
durch die Bäume rauscht. Ich schließe meine Augen und hole mir
die Freude der letzten paar Tage zurück ins Gedächtnis, die Aufregung
der Stromschnellen, die Begenungen mit Krokodilen, das Paddeln auf dem
Fluss, lächelnde Himbakinder und die erfurchtgebietende Schönheit
von Epupa. Mit dem beruhigenden Brausen des Wasserfalls im Ohr, falle ich
sanft in den Schlaf. |